

Mit dem Esel über alte Handelspfade
Text: Andrea Hoffmann
VEJER. Esel sind intelligent, menschenfreundlich und genügsam. Mit ihren langen Ohren und traurigen Augen rühren sie unser Herz. Die grauen Vierbeiner hatten schon immer viele Liebhaber, doch während in Andalusien unzählige Pferde gehalten werden, sind die andalusischen Riesenesel vom Aussterben bedroht. Der eingetragene Bestand liegt derzeit bei etwas über 400 Tieren. Dabei lebte noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts praktisch in jedem andalusischen Haushalt ein Esel. Noch heute sieht man in den Gassen von Vejer an vielen Hauswänden eiserne Ringe, an denen die Reit- und Lasttiere angebunden wurden

Andalusische Esel kamen aus Ägypten
„Der Esel war das Tier der Armen“, erläutert Juan, der mit Eseln aufgewachsen ist und sich vorgenommen hat, beim Erhalt dieser Rasse mitzuhelfen. „Es würde etwas fehlen, wenn es die Esel nicht mehr gäbe. Sie sind vor etwa 3000 Jahren aus Afrika gekommen und haben sich hervorragend an unser Klima und unsere Umwelt angepasst. Ohne den andalusischen Esel wäre die Geschichte dieses Landes anders verlaufen“, ergänzt der Tierfreund, der seine Freizeit für die Esel opfert. Derzeit besitzt Juan 6 männliche Esel, für die es kein Zuhause mehr gab. 4 davon sind andalusische Riesenesel, die eine Höhe von 1,60 Metern erreichen können. Leitesel Frederico, ein Katalane in der Herde, ist sogar noch etwas größer. „Die EU fördert die Zucht der andalusischen Esel“, erläutert Juan. „Eine Einheit besteht aus vier Stuten und einem Hengst. Natürlich werden deutlich mehr Hengste geboren, doch wenn es kein Geld für die Tiere gibt, sind sie für die Züchter meist nichts wert. Einige dieser Esel habe ich aufgenommen, doch ich habe nur beschränkte Mittel.“ Da lag der Gedanke nahe einen Verein zu gründen, der sich die Esel, die Traditionen und die Geschichte der Region am Leben hält. Ein Vorhaben, das Juan im vorigen Jahr umsetzen konnte.
Ein Verein zur Unterstützung der Esel
Der Verein hat bisher zwar erst 5 Mitglieder, doch diese legen ein beachtliches Engagement an den Tag. Seit April diesen Jahres bietet der Verein Eselstouren in Vejer an, die ein echtes Erlebnis sind. Unter der Führung von Juan, der mit einem immensen Wissen über seine geliebten Vierbeiner sowie über die Region und deren Geschichte aufwarten kann, geht es in einem Treck mit vier Eseln über die alten Handelspfade im Gebiet von „Buena Vista“. Die Pfade stehen unter Denkmalschutz und sind sehr gepflegt. Sie dürfen nur von Tieren und Fußgängern genutzt werden, so dass der Ausflug keinerlei Gefährdung durch oder für den Straßenverkehr darstellt. „Teilnehmen kann jeder,“ erklärt Juan. „Die Tiere haben einen ruhig Gang, sie sind menschenfreundlich und brav.

Frederico trägt bis zu 150 Kilo und die andalusischen Esel können bis zu 100 Kilo transportieren. Kinder reiten entweder selbst, das können sie meist nach kurzer Zeit schon sehr gut, oder sie setzten sich mit zu Mama oder Papa auf den Esel. In jedem Fall ist das ein Erlebnis für die ganze Familie.“ Der Erlös der Eselstouren kommt direkt den Tieren zugute..
Interessante Details
Dann geht es los. Von der Gleitschirm-Basis aus führt der Weg am Bergesrand entlang, Richtung Meer. Früher war dies die wichtigste Handelsstraße für Vejer. Sämtliche Waren wurden über die Eselspfade heraufgeschafft und jeder Weg hatte seine spezielle Bedeutung. Es waren die kürzesten Wege vom Erzeuger zum Verbraucher. Über einen Pfad wurden beispielsweise Obst und Gemüse transportiert, der nächste war durch Bäume und Sträucher vor dem rauen Wind geschützt um empfindliche Waren, wie Brennstoffe, zu transportieren. Fisch kam über den so genannten „Maurenpfad“ nach Vejer, der zum einen die kürzeste Verbindung zum Meer darstellt und zum anderen von den Mauren als Fluchtweg bei der Rückeroberung von Vejer benutzt wurde. Diesen Informationen und Geschichten sprudeln nur so aus Juan heraus und man merkt wie viel Freude er daran hat, interessierten Gästen von der Geschichte der Region, vom Umgang mit den Eseln und vom Leben der Menschen zu erzählen.
Bezaubernde Aussicht
Unterstützt werden die Informationen durch die Umgebung. Kommt der Eseltreck an einem bestimmten Baum vorbei, erfährt man von dessen früherer und heutiger Nutzung. Trifft man auf spielende Kinder in den Wiesen, weiß Juan davon zu berichten, dass das Gebiet schon seit Jahrhunderten zur Erholung der Menschen diente. Im Sommer beluden sie jeden Sonntag ihren Esel und brachen mit sämtlichen Familienangehörigen zum Picknick auf. Ziel war eigentlich der Strand von El Palmar, doch so weit sind die meisten Familien gar nicht gekommen, berichtet Juan. Von dieser Geschichten kommt der 35-jährige dann zur Ausstattung der Esel, erklärt die Funktion der Packsättel, das bunte Zaumzeug und wozu die Glöckchen- und Muschelbänder dienen, die die Tiere um den Hals tragen.


GEHEIMTIPP: Die Route dauert mindestens 45 Minuten und kostet pro Person sechs Euro. Noch ist der Ausflug mit den Eseln in Vejer ein Geheimtipp und man sollte ein wenig Spanisch sprechen, um all die Geschichten und Vorkommnisse zu verstehen, die Juan zu erzählen hat. In Zukunft, vielleicht schon gegen Ende des Sommers, hofft Juan, können die Trecks zusätzlich in deutscher und englischer Sprache stattfinden. Bleibt zu hoffen, dass sich das Engagement der Vereinsmitglieder auszahlt und das Angebot von den Touristen auch genutzt wird.
WeitereInfos und Anmeldung hier: → losburrosdejuanino.co
Anmerkung der Redaktion
An dieser Stelle sei das Buch „Platero y Yo“ von Juan Ramón Jiménez erwähnt. Der Erzähler und sein kleiner Esel Platero durchstreifen von Frühjahr bis Winter die einsame Umgebung eines andalusischen Ortes (Moguer) – der Esel als Sinnbild für die Verbindung von Mensch und Natur. Die „andalusische Elegie“, wie Jiménez selbst sein Werk nennt, gilt als eine der berühmtesten Prosadichtungen der spanischen Literatur des 20. Jahrhunderts