Winterreise – vom Rio Tinto nach El Rocio
Der Rio Tinto war nun nach Rechts und nach Links bis Niebla abgelaufen und das nächste Ziel war der Wallfahrtort El Rocío. Den hatte ich bei meinen Vorbereitungen und unendlichen GoogleMaps Suchen zum Rio Tinto entdeckt und wollte da unbedingt hin, lag ja sozusagen auf dem Weg.
El Rocio
Mein Taxifahrer vom Rio Tinto kutschierte mich bis Almonte und setzte mich quasi in den Bus, war im Taxipreis von 20€ enthalten… Der Bus fuhr ca. 40 Minuten und ich sprang aus dem Bus und landete im Sand!! Oha dachte ich, unbefestigte Straße. Mein Rolli rollte aber auf der Sandpiste ganz gut und intuitiv wendete ich mich nach links und fand mich auf einem riesigen Platz, eigentlich ein überdimensionierter Sandkasten mit Bäumen und Bänken in der Mitte, wieder. Den Rolli immer noch hinter mich herziehend, mittlerweile eher schleifend, denn die Räder waren vom Sand total blockiert, wusste ich nicht wohin: ein riesiger Platz mit dicht aneinander gedrängten schmalen Häusern, hin und wieder durch ein monumentales Bauwerk unterbrochen aber hauptsächlich schmale Häuser, die alle nach Hinten in die Länge gebaut waren. Ein wenig wurde ich übellaunig wegen dem endlosen Sand und der Frage wohin (dabei hatte ich bei meinen Recherchen gelesen, dass El Rocío ein schachbrettartiger auf Sand gebauter Ort ist) . War mir wohl entfallen. Eine Dame mit Hund konnte ich nach meinem Hotel fragen und ich musste weiter durch den Sand, ein Haus wie alle anderen mit schmaler Vorderseite, war es dann – Uff!! Geschafft!


Rolli in die Lobby gehievt und erst mal durchgeatmet. In der Lobby war die Rezeption nicht besetzt aber zwei Herren, schätzungsweise in meinem Alter hielten sich da auf. „Buenos Dias“ verbunden mit einer Geste, die da fragte: wo ist der Rezeptionist… Die Herren gaben mir zu verstehen, man wisse es auch nicht aber ich könnte einen Kaffee aus der Maschine derweil trinken und ein Herr hatte sich wohl gerade einen Kaffee gemacht und zeigte mir sein volles Glas. – Gut… Kaffee! …Kaffee ist so gar sehr gut. Ich zum Kaffeeautomat und auf „Café con leche“ gedrückt —- NICHTS!, gut denke ich dann nur Café— auch NICHTS, oha…dann Leche — auch NICHTS…in Gottes Namen dann Tee aber auch auf diesen Befehl reagierte die Maschine nicht. Die Herren hatten mich wohl weiterhin im Auge, denn als ich mich ihnen wieder zuwandte und ein bedauerndes Gesicht und ebensolche Geste machte und mit Verzweiflung in der Stimme: NADA sagte, kam der Herr mit dem vollen Glas Kaffee um mich zu retten, aber auch er hatte keinen Erfolg: NADA!! Und nun wurde ich total überrascht, er teilte seinen Kaffee mit mir…..Unglaublich nett, wäre da nicht Corona… aber alle Bedenken über Bord werfend und mir blitzschnell vor Augen haltend, fast 90% der Spanier sind geimpft, nahm ich die Großzügigkeit dankbar an und wir begaben uns zur kleinen Veranda vor dem Eingang. Ich ließ mich erleichtert und deutlich besser gelaunt auf einen Sessel nieder und nippte an dem Kaffee. Augenblicklich verzog sich mein Gesicht als hätte ich in eine Zitrone gebissen und mir entschlüpfte ein erschrockenes „dulce“. Ja, er wisse, sein Laster und zeigte dabei auf sein Bäuchlein. Herzliches Gelächter und ein Kauderwelsch aus mehreren Sprachen ließ eine prächtige Unterhaltung mit viel Gelächter und dann doch noch einem richtigen Café con leche, den mir einer der Herren brachte und der mit vielen OH…AH…OHA bedacht wurde, entstehen. Dann kamen noch zwei Herren hinzu und alle sprangen in ein Auto und man rief mir zu: wir sehen uns in Malaga!!!
In der Zwischenzeit war auch die Rezeption besetzt und ich konnte mein Zimmer beziehen, das mit nichts Überflüssigem ausgestattet war. Ich hielt mich nicht lange auf und Auf!! zum Ort erkunden: Sand, dichtgedrängte Häuser und Sand….Sand.…Sand….und dann der Platz mit der Wallfahrtskirche: WOW!! Gelber Sand, strahlendblauer Himmel mit kleinen weißen Wölkchen und die weiße Kirche – ein atemberaubender Anblick!!!!!
Der Ort hat 1.700 Einwohner, liegt in der Provinz Huelva und direkt am Nationalpark Coto de Doñana. Hat keine befestigten Straßen und somit sind Pferdegespanne und Pferd und Reiter neben Geländewagen das vorherrschende Bild der Fortbewegung. Wie viele Häuser es gibt – keine Ahnung, auf jeden Fall mehr als Einwohner.


Bereits im 14.Jahrhundert gab es Hinweise auf eine Einsiedelei mit Marienverehrung. 1587 gründete ein Baltasar Tercero Ruiz eine Kapelle und später im 17.Jahrhundert wurde der Name von Santa Maria in Virgen del Rocío umbenannt, auch „ Blanca Paloma“ genannt, und es wurden die ersten Irmandadas (Bruderschaften) gegründet. Inzwischen gibt es mehr als 100 Bruderschaften. Die Pilger – Romeros-, auch aus dem Ausland, reiten, fahren oder schreiten am Samstag vor Pfingsten auf einem traditionell festgelegten Weg, dem Camino a el Rocío auf dem sie auch andere Bruderschaften besuchen, in das kleine Örtchen ein und passieren die Ermita, wo sie begrüßt werden. (Es sollen zuweilen mehr als EINE MILLION Menschen sein). Danach begeben sie sich zu den der Bruderschaft gehörenden Häusern (die schmalen langen Häuser auf dem Sand), die das restliche Jahr meist leer stehen.
Sonntagabend versammelt man sich um gemeinsam zu beten. Traditionell überspringen Mitglieder der 《Mutterbruderschaft von Almonte》 die Absperrung zum Sonnenaufgang, der SALTO DE LA REJA um die Jungfrauen-Statue nach draußen zu den anderen Bruderschaften zu tragen. Die auf Schultern getragenen Priester der Bruderschaften halten Fürbitte und Dankesgebete ab. Alle wollen das Podest oder die Statue berühren um einen besonderen Segen zu erhalten. Am Dienstag reisen alle wieder in ihre Heimatorte und überbringen den Segen der Madonna.
Ich bin an einem Donnerstag angereist und notgedrungen an einem Dienstag wieder abgereist. Ich hatte nicht mit einem Feiertag gerechnet, Allerheiligen. So musste ich noch eine Nacht dazu buchen, denn sonntags und feiertags fuhren die Busse so, dass man zwar von El Rocío weg kam aber dann keinen Anschluss hatte.
Ich habe dann noch eine einstündige Busfahrt ans Meer nach Matalascañas gemacht und bin dort an der Promenade und weiter in den Nationalpark gelaufen. Auf Holzstegen läuft man über dem gelben Sand, vorbei an herrlichen Pinien, die wundersame Fantasiebilder entstehen lassen. Gleich am Ortsausgang von El Rocío gelangt man ebenfalls in den Nationalpark und an einem anderen Tag schnürte ich die Wanderschuhe und machte mich auf den Weg. Mir begegneten Reiter hoch zu Ross, einzeln oder in Gruppen und Pferdekutschen, zu Fuß war nur ich. Herrliche Pinien und wundersame Wälder und …Sand…Sand…Sand. Da mir der Hauptweg langweilig wurde, schwenkte ich kurzerhand nach links in einen etwas schmaleren Sandweg und schon begegnete mir das Abenteuer: emsig, scheinbar im willkürlichen Hin und Her überschritt ich eine riesige Ameisenstraße und kurze Zeit später, begegneten mir kleine schwarze Käfer, die riesige Sandkugeln vor sich her rollten und nach einer weiteren kleinen Weile ein Jeep deren Fahrerin mich sehr bestimmt aufforderderte, diesen Weg zu verlassen und mich ausschließlich auf dem Hauptweg zu bewegen. Die Polizei sei nicht bereit großzügig darüber hinweg zu sehen. Drei Lo siento und ein gehauchtes disculpa und eine 180° Drehung sollten mein Bedauern und meine Unwissenheit ausdrücken. Ich ging also zurück und vielleicht 800m vor dem Hauptweg kommt mir ein Jogger, ein „ Sandjogger“ entgegen und ich dachte: sieh mal an….aber der „Sandjogger“ umrundete mich, sagte was, was ich nicht verstand und machte sich wieder auf den Rückweg. Das muss die Polizei gewesen sein !!! Uiiii Glück gehabt…

Am Dienstag also Abreise und Weiterreise nach Huelva. Huelva hatte ich eigentlich nur als Ausgangspunkt für die Busfahrt zurück nach Sevilla und dann weiter nach Conil de la Frontera im Plan. Nach meinen Recherchen gab es da nix Sehenswertes und zwei Übernachtungen reichten um auszuruhen und die Rückreise anzutreten. ABER weit gefehlt, Huelva war für mich eine angenehme Überraschung und das lag nicht nur an der Prozession zu Allerseelen, die ich da erleben konnte sondern auch an den Plätzen und Kirchen und historisch interessanten Gebäuden, derer es nicht viele aber sehr schöne gab.

Auch dem Rio Tinto bin ich wieder begegnet und auf die ‚Muelle de la Compañía de Rio Tinto‘ hoch gestiegen von der man einen wunderbaren Blick aufs Meer hat. Weiterhin habe ich einen Spaziergang auf der herrlichen Promenade und immer das Meer im Blick und eine Ausfahrt mit dem Bus, ca. eine Stunde aus der Stadt zum Kloster „ La Rábida“ gemacht. Ein wunderbares und interessantes Kloster in dem Christoph Kolumbus logierte um sich auf seine Reise in die Neue Welt einzuschiffen. Daraus wurde allerdings nichts, weil der Patre Pérez und der Arzt Hernández einen eindringlichen Brief an die Königin Isabella schrieben, die daraufhin Kolumbus zurück an den Hof beorderte. Nach Besuch des Klosters beorderte ich mich über Sevilla zurück nach Conil de la Frontera.
Eine wunderbare Kurzreise mit vielen Eindrücken, herrlicher Natur und wieder wunderbaren Begegnungen mit den Menschen Andalusiens.
Text und Fotos: Petra Grünwald (2022)